Heiße Luft? Vom Zeppelin-Skiing und Skifahren im Brandnertal … auf die etwas andere Art

 

Brandnertal im Montafon – beschaulich, ursprünglich, ehrlich. Und: Abenteuer pur. Das zumindest ist das Lebenselixier dreier Extremsportler, die die abgefahrene Idee hatten, als Erste überhaupt vom Zeppelin abzuseilen. Um tatsächlich abzufahren: auf Skiern, mit dem Ziel, einfach mehr als Big Mountain Freeskiing zu erleben.

 

Was für die einen die längste Nervenbahn der Welt ist, ist für Stefan Anger und Andreas Gumpenberger, die Gründer von Lensecape Productions, und ihrem Big Mountain Skifahrer-Freund Fabian Lentsch ein surrealer Erfahrungshorizont. Weit jenseits ihrer bisherigen Extremsportabenteuern und Filmproduktionen. Auch wenn sie oft in entlegene Gebiete wie Karakorum vordringen, fühlen sie sich den österreichischen Alpen, ihrer Heimat, zutiefst verbunden. Das Objekt der Begierde für ihre neue Idee? Brandnertal im Vorarlberg. Dort, wo sich der Kleine Valkastiel (2.233 m) herausstreckt – und unweit des Headquarters des Hauptakteurs, dem Zeppelin.

 

Das Luftschiff liegt fest verankert bei der Deutsche Zeppelin-Reederei in Friedrichshafen am Bodensee, wo man Flüge buchen kann – mit Flügen auf bis zu 300 Metern Höhe. Wie aber kommt ein Luftschiff auf eine Höhe über 2.200 Meter?

 

Die Flugpiloten der Reederei am Bodensee hatten das Vorhaben lange durchdacht und unglaublich viele Berechnungen angesetzt, bis sie sich schließlich dem Wagnis stellten. Denn ein Luftschiff ist generell nur für geringe Höhen gemacht. Zum Erreichen des Valkastiels war klar: Der Zeppelin muss an das absolute Höhenmaximum gehen. Dabei entscheiden jede Temperaturschwankung, jeder Luftdruckunterschied und Luftwiderstand sowie jedes Gramm Gewicht über Erfolg oder Misserfolg. Drehschrauben sind Menge und Dichte des Traggases.

 

 

 

Das Spiel mit dem (nicht brennbaren) Feuer

 

 

Blick in die Zeppelinwerft: Anders als die Zeppeline zuvor hat dieses "Luftschiff NT" nur eine große Gas-Zelle. Stabilisiert wird es durch eine Leichtmetall-Konstruktion im oberen Teil, durch das Traggas wird es in Form gehalten.

 

Als die drei Abenteurer bei einem Testflug schließlich unter dem riesigen, 75 Meter langen Luftschiff standen, fanden sie die Situation absurd. Die größte Herausforderung bestand zunächst aber für das Luftschiff selbst: Würden es sämtliche physikalischen Größen und äußere Umstände selbst unter Idealbedingungen ermöglichen, die für den Valkastiel anvisierte Höhe und Reichweite zu erreichen?

 

Damit ein Zeppelin schwebt, muss die Auftriebskraft so groß sein wie die Gewichtskraft der von ihm verdrängten Luft. Das Spiel lässt sich mit einer Füllung mit dem nicht brennbaren Gas Helium spielen. Um bei wechselnden Temperaturen und sich ändernden Luftdruck in unterschiedlichen Höhen fliegen zu können, ist der Zeppelin mit Luftsäcken ausgestattet, die den Druck in der Hülle konstant halten. Aus ihnen kann beim Aufstieg gezielt Luft abgelassen werden. Ist die gesamte Luft bereits abgelassen und will man dennoch höher hinaus, bleibt nur noch, Helium abzulassen, was dann aber bei der Landung fehlen würde. Die Piloten müssten also an die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Luftschiffs gehen und sämtliche Szenarien durchspielen. Für das Projekt Valkastiel würden sie –neben einer guten Sicht und optimalem Luftdruck – Minustemperaturen benötigen, um genug Auftrieb zu haben, sowie eine gute Sicht und moderaten Wind. Und die Steilwandfahrer? Sie benötigen Schnee, dicke Nerven und ruhiges Blut, das noch Platz für eine Riesenportion Adrenalin lassen würde.

 

 

 

No-Fall-Zone

 

 

Laut Flugpilot Fritz Günther hat sich bisher kein Luftschiff in ein solches Projekt vorgewagt. Eine Riesen-Challenge also für die Piloten und den Zeppelin NT, der mit seinen launischen blinden Passagieren, den physikalischen Parametern, umgehen muss. Die Challenge für die Akteure: Beim Abseilen an dem vorgeschriebenen, aber ungewohnten Abseilgerät, zusammen mit sperrigen Rücksäcken und Skiern, darf ihnen kein Fehler unterlaufen. Und dann die Line down: Im Unterschied zu anderen Abfahrten gibt es beim Steilwandfahren keinen Auslauf, sondern nichts als Abbruchkanten und steile Hänge. Oberstes Kommando also: Stürzen verboten. Klar. What else?

 

Am geplanten Starttag dann das Spiel mit den Parametern: In den oberen Luftschichten war es nicht so kalt wie erwartet, die Piloten ließen Ballast ab, um an Höhe zu gewinnen – Effekt: ungenügend. Der Griff wanderte zum Helium-Ventil, wobei sich das Luftschiff mit jedem dieser Hebelgriff seiner Leistungsgrenze nähern würde. Berechnungen folgten, und dann doch:

 

Als sich die Luke öffnete, hatten die Extremsportler mindestens 60 Meter freie Luft unter den Füßen, und alles was sie sahen, war Schnee und Fels. „Während wir uns am 50 Meter langen Seil hinunterließen und nach oben schauten, sahen wir nichts als ein riesiges Luftschiff über uns“, beschreibt Andreas Gumpenberger die spektakuläre Abseilaktion, die am seidenen Faden hing. Und Stefan Anger: "Als ich unter dem Zeppelin hing, hatte ich das Gefühl, mich von einer Wolke abzuseilen." Ganz so locker-flockig verlief die Abseilaktion zwar nicht. Doch schließlich hatten die drei Extremsportler es geschafft. Das Panorama – atemberaubend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Linie steiler ist als die berühmte Mausefalle auf der „Streif“ in Kitzbühel, eine der schwierigsten und gefährlichsten Rennpisten der Welt.

 

Die Aktion verlief spektakulär und glücklich, wie die Piloten aber verlauten ließen, haarscharf „am Anschlag“. Also das, was Extremsportler suchen.

 

Und was suchen Werftbetreiber? Eher das „ruhige“ Schweben, mit weniger Adrenalin, dafür aber vielen aussichtsreichen Perspektiven. Wer mehr über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten als fliegendes Labor, wissenschaftliche Plattform oder Beobachtungsstation erfahren möchte, kann dies in diesem Artikel nachlesen.

 

 

Die TV-Premiere „Zeppelin-Skiing – mit dem Luftschiff in die Berge“ fand Ende vergangenen Jahres im Zeppelin-Museum statt und ist nun auch verfügbar auf: https://www.servustv.com/videos/aa-1zw5td8vd1w12/

 

Sicher ist: Schneesicher geht auch anders. Ihr könnt ganz entspannt im wunderschönen Brandnertal Urlaub machen und auf den gemütlichen Hängen jenseits der No-Fall-Zone entlang gondeln, dafür unter den wachsamen Augen von Valkastiel und Zimba.

 

Und wenn ihr auch etwas abheben wollt: Unter https://zeppelin-nt.de/de/zeppelin-fluege/rundfluege-friedrichshafen.html kann man Zeppelinflüge buchen – OK, dann nur auf 300 Meter Höhe …

 

Oder doch lieber bodenständig, aber mit Nervenkitzel im Bauch? Viele interessante Informationen zur kompletten Geschichte des Zeppelins, vor allem zum größten jemals gebauten Luftschiff der Welt, der Hindenburg, kann man im Zeppelinmuseum erleben. Und ist dabei gleich mitten in Lakehurst, am Tag des 6. Mai 1937 ... .
Erst 2001 gingen in Friedrichshafen Personen wieder an Bord eines Zeppelins. Heute ist das Unternehmen am Bodensee das einzige, das Flüge im Zeppelin kommerziell anbietet.

 

Text: Simone Giesler

 

Fotos 1, 3: © Mirja Geh; Foto 2: © Daniel Hug